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Expertenforum: “Weiterbildung in der Zukunft”

Im Expertenforum des eLearning Journals wurde sich in der Februar-Ausgabe mit der Frage “Weiterbildung 2.0 – Wie sieht Weiterbildung in der Zukunft aus?” beschäftigt. Neben zahlreichen Weiterbildungsexperten stand auch Albrecht Kresse der Redaktion Rede und Antwort. Auszüge aus dem Interview möchten wir Ihnen an dieser Stelle gern zur Verfügung stellen, den ganzen Artikel finden Sie in der Ausgabe des eLearning Journals.

eLearning Journal: Der Wandel auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Deutschland bewegt sich von einem klassischen Bewerber- zu einem Nachfragemarkt. Können Sie in Ihrem Arbeitsalltag schon Trends und Richtungen feststellen, die die betriebliche Weiterbildung einschlägt – etwa ein deutlicher Wandel in den Bedarfen der Kunden?

Albrecht Kresse: Ich selbst bin kein Experte für Recruiting, aber ich kann sowohl in unserem kleinen Unternehmen als auch bei unseren Kunden feststellen, dass gute Bewerber heute sehr viel genauer hinschauen. Der Markt ist transparent geworden, und die Bewerber vergleichen sehr genau mit anderen Unternehmen in der Branche.
Die aktuellen Empfehlungen für einen richtigen und damit auch eher vorsichtigen Umgang mit Einträgen bei Facebook und Co. sind fast schon überholt. Gute Bewerber mit einer hohen Social-Media-Beteiligung verlangen von ihrem künftigen Arbeitgeber Kompetenz in diesem Bereich und einen toleranten Umgang mit der Facebook-Vergangenheit des Bewerbers. Alles andere wirkt schnell uncool.

eLearning Journal: Weiterbildung ist bisher ein Prozess, der seminaristisch und lernzielorientiert ist. Werden sich Weiterbildungsangebote über kurz oder lang aber auf neue Bedarfe einrichten müssen, die einen Wandel in Inhalt, Struktur und Dauer der Weiterbildung erforderlich machen?

Albrecht Kresse: Die strukturierte Weiterbildung und Personalentwicklung hat mehrheitlich immer noch das formelle Lernen im Fokus. Bei der edutrainment company sorgen wir dafür, dass die Teilnehmer auch Angebote und Tipps für informelles Lernen erhalten. Das ist ja auch mein immer wieder vorgetragenes Credo nach dem mündigen Selbstlerner.

eLearning Journal: Der demografische Wandel ist ein Faktor, der die Anpassungsfähigkeit des Arbeitsmarktes und damit auch die Weiterbildung stark herausfordert. Wenn weniger Menschen mehr Arbeit zu verrichten haben – was in der Folge der schon jetzt absehbare Effekt des demografischen Wandels ist -, wie muss sich Ihrer Einschätzung nach die Weiterbildung in den nächsten fünf Jahren entwickeln?

Albrecht Kresse: Für die jungen Zielgruppen wird die Bedeutung der formellen Weiterbildung sinken. Hier geht es eher um Ausbildung in Metakompetenzen für die Karrieresteuerung und Persönlichkeitsentwicklung und orts- und zeitunabhängige Angebote für klassische Inhalte. Für ältere Zielgruppen 50plus – manche Unternehmen rechnen auch schon 40plus zu den älteren Zielgruppen – wird es immer mehr spezifischere Weiterbildungs- und Trainingsangebote geben – gerade auch für die Nutzung neuer Medien.

eLearning Journal: Weiterbildung und digitale Medien – muss das sein, soll das sein?
Welchen didaktischen Mehrwert können wir durch die Einbeziehung digitaler Medien in den Weiterbildungsprozess erzielen?

Albrecht Kresse: Wer heute noch die Bedeutung digitaler Medien in der Weiterbildung grundsätzlich in Frage stellt, dem ist nicht mehr zu helfen. Viele Angebote hinken aber dem privaten Medienkonsumverhalten der Zielgruppen, sprich der Teilnehmer, Jahre hinterher. Das ist das größte Problem beim Einsatz neuer Medien. Der didaktische Mehrwert ergibt sich aktuell sehr, sehr stark im Bereich der Transferunterstützung.

eLearning Journal: Die Frage, wohin die Reise mit der Weiterbildung geht, ist auch eine Frage nach der ihr zugrundeliegenden Vor- und Ausbildung. Müssen wir in Anbetracht der Notwendigkeit des lebenslangen Lernens aufhören, den Quartiärbereich Weiterbildung als „entkoppelt“ von den vorgelagerten Bildungsstufen wie Sek II, Hochschule/FH/Uni sehen und damit eher eine ganzheitliche Betrachtung des Bildungs- und Weiterbildungssystems verfolgen?

Albrecht Kresse: Die alte Bildungskette funktioniert heute überhaupt nicht mehr. Und die institutionalisierte Weiterbildung macht einen großen Fehler, wenn sie weiter nur versucht, Bedarfe zu erfassen und dafür maßgeschneiderte Angebote zu entwickeln. Die Zukunft muss im selbst gesteuerten Lernen liegen. Die Metakompetenz „Lernen lernen“ muss an Schulen und Universitäten einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Dann haben auch die Unternehmen eine Chance, andere Weiterbildungsangebote zu kreieren.

eLearning Journal: Wie sehen Sie die Verlagerung der Zielgruppen für Weiterbildung? Werden wir in Zukunft einen steigenden Weiterbildungsbedarf auch bei Tätigkeiten auf dem Basisniveau sehen?

Albrecht Kresse: Lebenslanges Lernen ist nicht neu, sondern ein Prinzip der menschlichen Existenz. Wir können nicht nicht lernen. Tätigkeiten oder berufliche Kompetenzen, die vom Lernen und vom Dazulernen ausgenommen sind, wird es nicht mehr geben. Die Herausforderung besteht also darin, attraktive didaktische Lernformate auch für die so genannten bildungsfernen Zielgruppen zu entwickeln.

eLearning Journal: Der Markt verlangt, dass betriebliche Weiterbildung messbar bleibt. Für wie wichtig halten Sie die Messbarkeit dessen, was der Lerner gelernt haben sollte und was er gelernt hat? Ist eine solche Messung überhaupt objektiv möglich und sinnvoll?

Albrecht Kresse: Die Frage des Bildungscontrollings gewinnt eine immer stärkere Bedeutung. In Zeiten knapper und damit umkämpfter Budgets müssen die Personalentwickler und Weiterbildner in den Unternehmen ihre Etats verteidigen und in harten Zahlen messbar machen. Was wir benötigen, ist ein Standard im Bildungscontrolling. Ich träume von einem Lern- oder Kompetenzindex, der unternehmensspezifisch und tagesaktuell berechnet werden kann. Dafür brauchen wir eine Lösung.

eLearning Journal: Wie schätzen Sie die Weiterbildungsbemühungen in Deutschland im internationalen Vergleich ein? Sind wir auf dem Weg zur Bildungsrepublik?

Albrecht Kresse: Von der Bildungsrepublik sind wir meilenweit entfernt. Der Blick in deutsche Klassenzimmer lässt nichts Gutes ahnen. Schulen mit einer IT-Infrastruktur knapp über dem örtlichen Gemüsehändler gelten schon als gut ausgestattet, und ein Smartboard im Klassenzimmer ist das Höchste der Gefühle. Potenzialdiagnostik gibt es an den Schulen immer noch nicht, Unterricht zum Thema „Lernen lernen“ meist erst ab der 7. Klasse.
Es gibt aber auch lohnenswerte positive Beispiele. Diese sollten wir herausstellen. Gute Lehrer müssen auch belohnt werden. Alle internationalen Bildungsstudien zeigen eines: Erfolgreiche Bildungsländer haben ein Bildungssystem, das im jeweiligen Land hohe öffentliche Anerkennung genießt. Das ist in Deutschland immer noch anders.

eLearning Journal: Wie schätzen Sie den derzeitigen Anteil von eLearning in der Weiterbildung ein? Ist der Bedarf bereits gesättigt?

Albrecht Kresse: eLearning steht immer noch am Anfang. Aktuell steigen viele kleinere und mittelständische Unternehmen in das Thema eLearning ein. Der Markt ist aber immer noch wenig transparent. Viele Unternehmen glauben, eLearning sei immer noch eine Frage von Tools und Software. Dabei geht es auch hier gerade um die didaktische Qualität. Daran mangelt es noch immer. Und für Didaktik wird auch zu wenig Geld ausgegeben. Für viele eLearning-Ansätze ist immer noch der Wunsch nach Kostenersparnis ein wesentlicher Treiber. So sehen die Lösungen dann leider oft auch aus.

eLearning Journal: Bisher war Weiterbildung zu Lasten der Unternehmen durchzuführen. Das heißt, die Unternehmen haben die Kosten und den Leidensdruck, die eigenen Mitarbeiter auf dem neuesten Wissensstand zu halten. Wird die Investition in Weiterbildung in Zukunft auch eine Investitionsaufgabe der Gesellschaft sein?

Albrecht Kresse: Mit den Kosten der Weiterbildung wird es in einigen Jahren so sein wie mit den Gesundheitskosten: Es wird Bestrebungen geben, den Einzelnen stärker an diesen Kosten zu beteiligen. Ich könnte mir vorstellen, dass es in einigen Jahren eine Art Kompetenzpass gibt, in dem alle Kompetenzen erfasst sind und private Weiterbildungen auch erfasst und belohnt werden können. Wer mehr lernt, ist nicht nur kompetenter und hat den besseren Job, sondern bekommt auch noch mehr Weiterbildung bezahlt.

eLearning Journal: Wird Weiterbildung mehr und mehr zum „Just-In-Time“-Business? Welcher eLearning-Methode würden Sie das meiste Potential für die nächsten zwölf Monate zusprechen?

Albrecht Kresse: Die Zukunft gehört allem, was schnell und mobil ist. Das gilt auch beim Thema Lernen. Deshalb ist videogestütztes Lernen ein Trend, der auch in den nächsten zwölf Monaten weiter voranschreiten wird. Hier gibt es auch immer mehr Angebote im B2C-Bereich, an denen sich sowohl die Anbieter beruflicher Bildung als auch die Unternehmen orientieren sollten.

[Quelle/Source (Link): edutrainment company GmbH]