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Von Karrieristen und Idealisten

Die Selbstselektion an Universitäten und in der Wirtschaft führt dazu, dass sich das System kaum verändert, so die ernüchternde Erkenntnis des Wirtschafts- und Organisationspsychologen Lutz von Rosenstiel. Er hat in der Arbeitswelt drei Typen ausgemacht. Die – eher harmlosen – Freizeit-Könige, die möglichst wenig Engagement im Job bringen wollen, gibt es in allen Studienfächern. Die Idealisten zieht es vor allem in die Sozial- und Naturwissenschaften – mit dem Ergebnis, dass sie kaum Einfluss auf die Wirtschaft nehmen (können). Die Karriereristen wiederum fühlen sich vor allem von den Wirtschaftswissenschaften angezogen. Ihre Agenda: erfolgreich sein und viel Geld verdienen. Die dem System inhärenten Selektionsprozesse führen letztlich dazu, dass das business as usual sich selbst am Leben erhält. "Ein wirtschaftswissenschaftliches Studium ist vor allem für diesen Menschentypus interessant. Wir nennen das den Selektionseffekt. Hinzu kommt aber der so genannte Sozialisationseffekt: Wenn die Studierenden gelehrt bekommen, dass der Markt alles regelt, legitimiert das ihre Karriereambitionen und verstärkt ihre Verhaltensmuster. Man muss sich auch noch einmal vor Augen führen, wie die Volkswirte denken: Sie sagen, dass Wohlstand das Wohlbefinden stärkt. Das heißt im Umkehrschluss: Es ist legitim, wenn man alles tut, um Wachstum und Gewinn zu optimieren. Dabei ist aber schon die Annahme, dass Wohlstand glücklicher macht, falsch, das ist empirisch bewiesen", beschreibt von Rosenstiel das Dilemma. Seine Kritik: Einerseits werde an den Universitäten zu wenig auf soziale und humane Komponenten eingegangen. Andererseits suchen Unternehmen meist gezielt nach den Karriereristen – die dann zwar manchmal durch Korruptionsaffären für Negativschlagzeilen sorgen, aber eben dem System auch dienen. Zwar werde immer wieder propagiert, wie wichtig Querdenker für Unternehmen seien, doch die Praxis Lehre, dass diese, wenn die Unternehmenskultur auf Karriere getrimmt ist, entweder erst gar nicht eingestellt würden oder aber im Unternehmen auf der Strecke bleiben, so von Rosenstiel. Der Experte fordert daher ein radikales Umdenken: "Für die Unternehmen gilt immer noch das Sprichwort 'Der Fisch stinkt vom Kopfe her'. Will heißen: Wenn die Unternehmensleitung Gewinnmaximierung als einziges Ziel definiert, könnten im Unternehmen noch so viele ambitionierte und idealistische Menschen arbeiten – es würde sich nichts ändern. Gleichzeitig muss es überhaupt erst einmal anders denkende Absolventen geben, die Unternehmen einstellen könnten. Und um die zu kriegen, müsste man die Ausbildung reformieren. Denn mit den jetzigen Lehrinhalten können die Universitäten kaum Querdenker und Idealisten zu einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium bewegen."

"Den Job bekommt der Karrierist, nicht der Querdenker", Spiegel online 6.4.11 | http://www.zenpop.de/blog/index.php?entry=entry110415-080213

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