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Buchauszug: Menschen visualisieren

Eine Bildsprache zum Visualisieren von IT-Infrastrukturen benötigt viele “visuelle Wörter” (vgl. z.B. die vielen eher technischen “Wörter” des “Lexikons” unter “Downloads zum Buch”) – das Wort “Mensch” wird dabei oft vergessen. Ein guter Grund, dem Menschen (in der Regel: “den Anwendern”) in den “Computermalern” ab Seite 50 ein wenig mehr Raum zu geben:

Menschen

Es erstaunt wirklich, wie selten Menschen in ein­schlägigen IT-spezifischen Visualisierungen auftau­chen. IT-Infrastrukturen sind in den al­lerwenigsten Fällen ein Selbstzweck; in aller Regel dienen sie da­zu, Menschen ihre Arbeit zu vereinfachen oder gar erst zu ermög­lichen. Eben dieser Sach­verhalt mani­festiert sich auch zunehmend in den Marketing-Tex­ten der großen Hersteller – eine “Business-Orien­tie­rung” der IT kommt ohne den eigentlichen Prota­go­nis­ten und vor allem auch Nutznießer der Wert­schöpfung (den Menschen!) nicht aus. Umso er­staun­licher ist es, dass vor den End­geräten prak­tisch aller Visualisierungen kein Mensch sitzt. Men­schen wer­den aller­höchs­tens in Form eines dürren Strich­männchens als “User” 1, z.B. in Darstellungen von Ver­zeich­nis­diensten, gedul­det.

Betrachtet man das Visualisieren als kommunikati­ven Akt, gilt sicherlich (zumindest in abgemilderter Form) Watzlawicks Hypothese, man könne nicht nicht kommunizieren 2. Aus linguistisch-semiotischer Sicht (nach der Kom­mu­nikation für die meisten Au­to­ren ein inten­tions­behafteter, gerichteter Vorgang ist), er­scheint folgende Version der Hypothese prag­matisch sinnvoll: “Es ist unvermeidlich, dass auch un­absicht­liches Verhalten als Zeichen ge­nommen und inter­pretiert wird.” 3 Das feh­len­de Zeichen “Mensch” ist also mit hoher Wahr­scheinlichkeit für ihre Zuschau­er be­deutungstragend – und selbst, falls es eine Über­interpretation ist, hierin eine Ma­ni­fes­tation der den Men­schen vergessen­den Tech­nik­verliebtheit der ITler zu sehen: Ihr Pu­bli­kum wird es tun. Der Mensch gehört einfach da­zu – das fehlende Zeichen hinterlässt eine sichtbare Lücke. Fin­det der Mensch jedoch Ein­gang in Ihre Visuali­sie­rungen, kann das ei­nen sehr positiven Ef­fekt haben: Ihre Zu­schau­er finden sich womög­lich selbst wie­der, iden­ti­fi­zieren sich mit den Menschen-Piktogrammen in Ihrer Zeichnung und können so viel einfacher er­fassen, was die visualisierte Infrastruk­tur für sie (oder ihre Kolle­gen/Mitar­bei­ter/­An­wen­der) konkret be­deuten könnte. Gerade in der Kom­munikation mit nicht-techni­schen Entscheidern oder End­anwendern kann dies ausschlaggebend sein.

Vergessen Sie den Menschen nicht – auch nicht in Ihren Visualisierungen.

Es gibt unterschiedlichste Möglichkeiten, Men­schen zu zeichnen – außerhalb der IT ist das Vi­sualisieren von Menschen so bedeutsam, dass gar Mono­gra­phien da­zu existieren 4. Die sicherlich ver­breitetste Mög­lich­keit, Menschen zu zeichnen, ist das “Strich­männ­chen” in unterschiedlichsten Varianten:

Strichmaennchen

Strichmännchen haben kaum Fläche, wirken da­durch dürr und kontrastieren stark mit den zumeist flächigen weiteren “Wörtern” Ih­rer Bildsprache. Das ein­zige Element einer Visua­lisierung, das ebenfalls kei­ne Fläche hat, dürf­ten meistens (Netzwerk-)Ver­bin­dungen sein. Kurz: Strichmännchen werden der wich­ti­gen Rolle des Menschen und dem Menschen­bild, das der Visualisierende vermitteln sollte, nicht ge­recht.

Flächige Visualisierungen von Menschen er­scheinen also naheliegender – zum Beispiel als “Kegel-” oder als “Sternmännchen” 5.

Kegelmännchen (egal, ob mit dreiecki­gem oder mit run­dem Kor­pus) sind einfach zu zeichnen und kön­nen zudem ein­fach gruppiert werden:

KegelMaennchen2

KegelMaennchen1

KegelMaennchen3

Sternmännchen sind ein wenig schwerer zu zeich­nen, ermöglichen aber viel Ausdruck und eignen sich insofern vor allem für Themenbe­reiche, in de­nen spezifische Gesten oder gar menschliche Emo­tio­nen 6 eine große Rolle spielen:

Sternmaennchen1

Sternmaennchen2

Flächige Piktogramme haben einen weiteren Vorteil: Sie lassen sich recht einfach kolorieren (z.B. mit Wachs­malstiften oder Ölkreiden – vgl. S. 39), um z.B. unterschiedli­che Anwen­der­kreise oder Ähnli­ches zu kennzeichnen.

Besteht die Möglichkeit, dass sich Ihr Publi­kum vor dem Hintergrund anstehender (IT- und/oder Organi­sations-)Veränderungen ehe­dem schon wie die sprich­wörtliche Figur auf dem Spielfeld fühlt, könn­ten Kegel diese Asso­ziation noch stärken; in solchen Situ­ationen er­scheinen Sternmännchen sicherlich neutraler.

Selbst in der IT gibt es talentierte Zeichner – die Ver­wendung von kompletten Comic-Figu­ren für tech­nische Visualisierungen erscheint dennoch ab­len­kend und verschiebt den Schwerpunkt in einer nicht themen- und situa­tionskonformen Weise 7.

Alle im Text und in den Fußnoten erwähnten Literaturhinweise sind übrigens unter “Literatur und Links im Buch” komfortabel verlinkt.

Fußnoten:

  1. Die Verwendung des Begriffs “User” für Anwender bzw. Be­nutzer ist nach Meinung des Verfassers eine Unsitte. Die­ser Anglizismus ist zum einen überflüssig – es gibt ge­eig­nete und verbreitete deutsche Wörter –, zum anderen be­tont er nach Auffassung des Verfassers bei der Ver­wendung im Deutschen die der IT nachgesagte, aber nicht sinn­volle Distanz zum Menschen.
  2. Zum sog. “Metakommunikativen Axiom” vgl. Watzlawick, Paul; Beavin, Janet H.; Jackson, Don D.: Menschliche Kommuni­kation. 12., unveränd. Aufl. Bern: Verlag Hans Huber 2011.
  3. Vgl. Linke, Angelika; Nussbaumer, Markus; Portmann, Paul R.: Studienbuch Linguistik. 3., unveränd. Aufl. Tübin­gen: Max Niemeyer Verlag GmbH. & Co. KG 1996. S. 29.
  4. Zum Beispiel Stephan, Ulrich: Menschen grafisch visuali­sie­ren: 43 Fragen & Antworten zum Thema grafische Visu­alisie­rung. Paderborn: Junfermannsche Ver­lags­buch­hand­lung GmbH & Co. KG 2009.
  5. Vgl. Stephan, Ulrich: a.a.O., S. 13.
  6. Unterschiedlichste Emotionen und Gesten finden sich in Stephan, Ulrich: a.a.O.
  7. Es ist übrigens andererseits durchaus sehr erfolg­reich mög­lich, seine IT-Profession an den Nagel zu hängen und sich vollständig auf das Zeichnen von Comics zu konzen­trie­ren – siehe <http://www.­schlockmercenary.com/>.

[Quelle/Source (Link): Die Computermaler]